Eisbaden und braunes Fett: Wie Kälte den Stoffwechsel anregt, Entzündungen senkt, das Immunsystem stärkt und glücklich macht

Zuhause in unserem Saunabereich haben wir ein Tauchbecken integriert, das wir zwischen den Gängen zum Abkühlen nutzen. Immer häufiger benutzen wir das Becken auch zum Eisbaden. Wir bleiben dann nach einem Saunagang etwa fünf Minuten, manchmal auch länger, im sehr kalten Wasser. Meine Schwiegermutter war derart vom Eisbaden in unserem Tauchbecken angetan, dass wir ihr einfach eine Eisbad-Tonne geschenkt haben, die sie nun in ihrem Garten nutzt. Im Internet werden diesbezüglich mittlerweile viele Produkte angeboten.

Wie das Erhitzen in der Sauna führt auch das Abkühlen im Tauchbecken, in einer Eisbad-Tonne oder einfach in einem kalten Gewässer zu vielfältigen positiven Reaktionen in unserem Körper und kann für unsere Gesundheit sehr wertvoll sein.

Verantwortlich hierfür ist bei der Kälteexposition vornehmlich unser braunes Fettgewebe. Es macht nur einen ganz kleinen Teil unseres gesamten Fettgewebes aus. Die Menge ist individuell unterschiedlich und beträgt durchschnittlich lediglich etwa 50 bis 300 Gramm. Das weiße Fett, das den Großteil unseres Körperfettes ausmacht, stellt einen Energiespeicher dar. Wenn wir zu viel Glukose und Fett aufnehmen, speichern wir diese Stoffe in Form von Triglyzeriden im weißen Fettgewebe. Das braune Fett hingegen verbrennt Fett.

Neugeborene verfügen über weitaus mehr braunes Fett als wir Erwachsene. Es dient nach der Geburt der Aufrechterhaltung der Körpertemperatur. Man kann sich das so vorstellen, als ob die Neugeborenen in ihrem Inneren ein Feuer anzünden, um es nach dem Verlassen des 37 Grad warmen Mutterleibs weiterhin kuschelig warm zu haben. Braunes Fett erzeugt also als Antwort auf einen äußeren Kältereiz Wärme.

Bei Erwachsenen findet sich das braune Fett größtenteils im Nacken-Schulterbereich. Eine Aktivierung des braunen Fetts scheint der altersbedingten Verlangsamung unseres Stoffwechsels entgegenwirken und einen positiven Einfluss auf unsere Langlebigkeit haben zu können. Interessanterweise haben nämlich langlebige Tiere ein aktiveres braunes Fettgewebe als kurzlebige Tiere.

Eine Kälteexposition von fünf bis zehn Minuten – egal ob im Tauchbecken wie bei uns, in der Eisbad-Tonne meiner Schwiegermutter oder in einem kalten See – führt zu einer Aktivierung von braunem Fett. Die im braunen Fettgewebe zahlreich vertretenen Mitochondrien werfen in ihren Kraftwerken sofort die Wärmeproduktion an. Erste Studien deuten darauf hin, dass die regelmäßige Aktivierung des braunen Fettgewebes hilft, Stoffwechselstörungen über eine Regulierung des Blutzuckerspiegels zu korrigieren.

Die Kälteexposition fördert ferner unsere Autophagie, also die natürliche „Zellreinigung“ des Körpers, kurbelt die Produktion und Aktivität unserer Immunzellen an und wirkt systemisch entzündungshemmend. Regelmäßige Kälteexposition stimuliert die Freisetzung entzündungshemmender Substanzen wie Interleukin-10. Kälteanwendungen unter dem Aspekt der Entzündungsreduktion finden vor allem bei Patienten mit chronisch entzündlichen Erkrankungen Anwendung.

Als ich Anfang 2011 Chefarzt der Abteilung für Orthopädie und Unfallchirurgie, Hand- und Wiederherstellungschirurgie an den GFO Kliniken Bonn wurde, stand dort in der Physikalischen Therapie eine sogenannte Kältekammer. Dort wurde die Temperatur auf bis zu minus 110 Grad Celsius heruntergekühlt. Die kälteempfindlichsten Körperteile werden mit Kleidung geschützt, und dann erfolgt eine Kälteexposition von etwa zwei bis vier Minuten. Wir haben dort regelmäßig unsere Rheumapatienten mit gutem Erfolg behandelt.

Die Kältekammerexposition führte zu einer Verringerung der ansonsten notwendigen Medikamenteneinnahme. Leider konnte die Kältekammer aufgrund des hohen Stromverbrauchs und der damit verbundenen Kosten nach einigen Jahren nicht mehr wirtschaftlich betrieben werden. Aktuell bin ich mit der Verwaltung in Verhandlung, ob eine Neuanschaffung möglich ist, wenn der Stromverbrauch über erneuerbare Energieträger gedeckt werden kann.

Last but not least scheint eine kurze Kälteexposition auch die Stimmung aufzuhellen und macht wach und frisch. Ursächlich hierfür ist die Aktivierung unseres sympathischen Nervensystems mit einer Erhöhung von Noradrenalin und Beta-Endorphinen. Unser Körper stellt sich auf eine regelmäßige Kälteexposition mit einer mengenmäßigen Zunahme von gesundem braunem Fettgewebe ein. Die Aktivierung der ansonsten eher „schlafenden“ Zellen gelingt zunehmend schneller, sie arbeiten effizienter, und die positiven Effekte auf unseren Körper nehmen sukzessive zu.

Als einmaliges Erlebnis mag das Baden in einem kalten Bergsee oder das Eintauchen in die Nord- oder Ostsee im Dezember seinen Reiz haben und nachhaltig in Erinnerung bleiben.

Einen wirklich nachhaltigen Effekt bekommt Kälteexposition aber nur bei regelmäßiger Anwendung – am besten fortwährend und lebenslang. Ein Sprung ins kalte Wasser lohnt sich also – für Körper, Geist und Langlebigkeit.

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